Türkische Zentralbank drückt Zins in einstelligen Bereich - Lira auf Rekordtief

24.11.2022 | 12:41

Istanbul (Reuters) - Die türkische Zentralbank hat ihren Leitzins ungeachtet einer extrem hohen Inflation erstmals seit mehr als zwei Jahren in den einstelligen Bereich gesenkt.

Er werde auf 9,0 von 10,5 Prozent zurückgenommen, gaben die Währungshüter am Donnerstag bekannt. Das ist der niedrigste Stand seit August 2020. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten diesen Schritt erwartet. Die Notenbank signalisierte zugleich, vorerst keine weiteren Senkungen vorzunehmen, "da der derzeitige Leitzins angemessen ist". Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte gefordert, das Niveau bis Jahresende in den einstelligen Bereich abzusenken. Die Zentralbank hatte vor mehr als einem Jahr mit der Lockerung ihrer Geldpolitik begonnen. Damals lag der Zinssatz noch bei 19 Prozent.

Bei Ökonomen sorgt dieser Kurs für Kopfschütteln. Die Inflationsrate liegt bei mehr als 85 Prozent. Die große Mehrheit der Experten empfiehlt daher, die starke Teuerung mit höheren Zinsen zu bekämpfen, wie das etwa die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) versuchen. Argentinien, wo die Inflationsrate ebenfalls bei mehr als 80 Prozent liegt, hat den Leitzins auf mittlerweile 75 Prozent festgesetzt.

Die türkische Landeswährung Lira geriet unmittelbar nach Bekanntgabe der Entscheidung erneut unter Abwertungsdruck: Der Kurs fiel auf das Rekordtief von 18,66 zum Dollar. Sie hat allein im vergangenen Jahr mehr als 44 Prozent an Wert verloren, in diesem Jahr noch einmal um etwa 30 Prozent. Das kurbelt zwar die Exporte an, weil türkische Waren auf den Weltmärkten preislich wettbewerbsfähiger werden. Gleichzeitig wird damit die Inflation weiter befeuert, da Importe dadurch teurer werden.

Dennoch rechnet die Notenbank damit, "dass der Disinflationsprozess in Gang kommen wird". Mittelfristig wird eine Teuerungsrate von fünf Prozent angestrebt.

(Bericht von Ali Kucukgocmen, geschrieben von Rene Wagner. Redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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