Unterschiedliche Sichtweisen zu Inflation und Zinsen in der EZB-Spitze

25.11.2022 | 16:08

Frankfurt (Reuters) - Im obersten Fhrungszirkel der Europischen Zentralbank (EZB) herrschen unterschiedliche Sichtweisen zur Inflationsdynamik und den daraus folgenden geldpolitischen Schritten. EZB-Chefkonom Philip Lane riet zwar, die Lohnentwicklung im Euro-Raum als voraussichtlich wichtigem Inflationstreiber in den nchsten Jahren im Auge zu behalten. Eine grundstzliche nderung der Lohndynamik sei aber nicht zu sehen, schrieb er in einem auf der EZB-Webseite verffentlichten Blogbeitrag. Dagegen hatte seine Direktoriumskollegin Schnabel in einer Rede in London am Donnerstag davor gewarnt, sich bei dem Thema zurckzulehnen. Aktuell sei das Lohnwachstum bereits recht schnell. Die EZB msse eine Lohn-Preis-Spirale bereits im Vorfeld verhindern. Sie knne nicht warten, bis diese bereits eingetreten sei und dann erst reagieren.

Schon am Montag hatte EZB-Chefvolkswirt Lane in einem Interview erlutert, es gebe immer weniger Argumente fr einen erneuten sehr groen Zinsschritt um 0,75 Prozentpunkte im Dezember. Die Plattform dafr sei nicht mehr vorhanden. Je mehr die EZB bereits getan habe, desto weniger msse sie noch unternehmen. Ganz anders dagegen argumentierte Schnabel: Vorliegende Daten deuteten darauf hin, dass der Spielraum fr eine Verlangsamung der Zinserhhungen begrenzt bleibe, sagte sie in London. Die Hartnckigkeit der Inflation drfe keinesfalls unterschtzt werden. Geldpolitik msse datenabhngig bleiben.

Damit tritt wenige Wochen vor der letzten Zinssitzung des Jahres die unterschiedlichen Einschtzungen der Whrungshter offen zu Tage. Die EZB hatte nach ihrer Oktober-Sitzung fr das Treffen am 15. Dezember weitere Zinsanhebungen in Aussicht gestellt.

EZB-Beobachter rechnen inzwischen damit, dass die Diskussionen ber den weiteren geldpolitischen Weg auf der kommenden Zinssitzung viel heftiger ausfallen werden als noch zuletzt. "Whrend die Entscheidung vom Oktober sehr unumstritten war und von einer groen Mehrheit getragen wurde, deuten die jngsten uerungen von EZB-Vertretern darauf hin, dass die Diskussion auf der Dezember-Sitzung sehr viel hitziger und kontroverser sein wird", schreibt etwa Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING.

Die EZB hatte im Juli im Kampf gegen die anhaltend hohe Inflation die Zinswende eingeleitet. Inzwischen hat sie in drei aufeinanderfolgenden Sitzungen die Schlsselstze um insgesamt 2,00 Prozentpunkte angehoben, wobei sie im September und Oktober Jumbo-Zinserhhungen um jeweils 0,75 Prozentpunkte beschloss. Der Einlagensatz, der aktuell magebliche Zinssatz and den Finanzmrkten, liegt damit inzwischen bei 1,5 Prozent. Zuletzt war die Inflation im Euro-Raum auf 10,6 Prozent hochgeschossen. Das ist mehr als fnfmal so viel wie das von den Whrungshtern angesteuerte Ziel von zwei Prozent.

Reuters 2022
Copier lien
Aktuelle Nachrichten zu "Wirtschaft"
26.11.
26.11.
26.11.
26.11.
26.11.